[MD] Landstalker

Grüße!

Es ist wie beim Boxen: Klitschko ist das unumstrittene Maß aller Dinge. Alle Nase lang gibt es einen halbgaren Herausforderer, der die große Chance wittert, meistens aber tüchtig auf den Deetz bekommt. Und ganz ganz selten gibt es einen so starken Herausforderer, dass er Klitschko an den Rand einer Niederlage drängt.
Und verliert dann doch knapp nach Punkten.
Zelda ist so ein Klitschko unter den Action-Adventures.
Und Landstalker war der Herausforderer, bei dem die Zuschauer, die live dabei waren, laut gebuht haben, als die Punktrichter dessen Niederlage verkündet haben.

Christian spieltLandstalker war das bessere Zelda, das ist einfach Fakt. Alle haben es gesehen. Ein Jahr lang habe ich es zusammen mit einem Kumpel gezockt (unterschiedliche Talente … er hatte damals schon den Orientierungssinn eines TomTom, ich den einer Sprühdose – dafür war ich sehr geschickt bei Sprungpassagen und Kämpfen), bis wir praktisch gleichzeitig die Endsequenz genossen.
1992/93 erschienen, schlug dieses Action-Adventure auf dem Mega Drive ein wie eine Bombe – die vollständige Lokalisation trotz zahlreicher Texte war sicherlich mit ein Grund. Damals keine Selbstverständlichkeit und zu einer Zeit, wo Spielen noch etwas für Kinder war, eine ungeheure Erleichterung für uns Englisch-Fremde.
Aber das Spiel hatte noch jede Menge mehr zu bieten: Eine wunderschöne Geschichte mit liebevoll gestalteten Charakteren, zauberhafter Musik, die sich echt toll anhörte (und dafür war der Mega Drive ja nicht gerade berühmt) und natürlich – was einem sofort ins Auge springt – eine Grafik, die einen aus dem Sessel haute. Im Gegensatz zu Zelda war die Perspektive isometrisch von schräg oben, das erschuf einen richtig hübschen 3D-Effekt.
Gleichzeitig war es diese Perspektive, die die meisten fast an den Rand des Wahnsinns getrieben haben dürfte. Denn bei den Sprungpassagen musste man jetzt auch räumlich denken – und vielfach auf gut Glück losspringen.

Hier mal ein paar Impressionen:

So, worum geht es eigentlich?
Im langen Intro schauen wir Niels von Ahorn über die Schulter. Seines Zeichens Schatzsucher lässt er uns daran teilhaben, wie er in einem Dungeon an eine sagenumwobene Statue gelangt. Was es mit ihr auf sich hat?
Egal – unserem Helden geht es nur ums Geld. Als er von seiner beschwerlichen Reise zurückkehrt, rettet er die niedliche Fee Flora vor dem Gauner-Trio Kayla, Wally und Ink. Denn sie weiß, wo sich die unermesslichen Schätze von König Nolo befinden!
Flora braucht nicht viel Überzeugungskraft, und so gibt Niels all sein sauer verdientes Geld für einen Flug zur Insel Merkator aus.
Dort angekommen, darf man endlich selbst steuern: Angetrieben von Floras Spürsinn folgt ein sehr einfacher Dungeon. Man findet die ein oder andere kleine Schatzkiste, in der einen ist ein bisschen Geld drin, in der anderen auch schon mal ein sehr wertvolles und dringend benötigtes Lebensenergie-Herz.
Unbedeutender Spoiler: Tatsächlich befindet man sich hier bereits im allerletzten Dungeon des Spiels, allerdings wird man erst sehr viel später tiefer eindringen können (zur Spielzeit: Mit Übung kommt man in unter 10 Stunden durch, ansonsten rechnet mal 20-30 Stunden ein).
Jetzt jedoch stürzt man erstmal mit einem Floß einen Wasserfall hinab, Niels wird bewusstlos.
Glück im Unglück: Fara, die Häuptlingstochter des Bärenstammes der Massan entdeckt Niels und Flora und nimmt sie mit in ihr nahe gelegenes Dorf, wo der Schatzsucher gesund gepflegt wird.
Als Fara von Kriegern des Nachbardorfs entführt wird, steckt Niels von Ahorn plötzlich mitten in einem Abenteuer, in dem es um viel mehr geht als bloß um Schätze, Ruhm und Reichtum.
Prinzessinen, höfische Intrigen, Drachen, eine riesige Hauptstadt, ein wundervolles Schloss, eine zarte Liebesgeschichte und ein mächtiger Herzog, der es ebenfalls auf König Nolos Erbe abgesehen hat …

In Landstalker treibt man sich viel in Städtchen und Dörfern herum, die Bewohner Merkators haben einem einiges zu erzählen. Die Geschichte wird durch Quests getragen, überall gilt es, etwas zu tun. Sidequests, wie man sie zu tausendfach aus heutigen RPGs wie Skyrim kennt, gibt es zwar kaum, doch sind diese umso detaillierter und erzählen eine hübsche Geschichte.
Erlangt man die Fähigkeit, mit Tieren zu sprechen, liegt es doch nahe, sich mal mit den Hühnern und Hunden zu unterhalten, die man in den Dörfern zu Beginn des Spiels antrifft … und siehe da: Die Hündin von Massan berichtet, sie sei von einer bösen Hexe in ihr tierisches Dasein verwandelt worden, ihr Geliebter wurde von ihr entführt.
Selbstredend, dass man losstiefelt, ihn zu befreien, die Hexe zu besiegen und den Saturnstein als Belohnung zu erhalten. Dieser magische Ring sorgt dafür, dass sich die Zauberfähigkeit des jeweiligen Schwertes deutlich schneller auflädt.
Ein anderes Mal trifft man auf einen riesigen Baum, der sich über Schmerzen beklagt. Hilfsbereit, wie Niels ist, stellt er sich mutig der Gefahr im Inneren, durchschreitet einen Dungeon, befreit den Baum von der Plage und erhält als Belohnung die ungeheuer praktische Möglichkeit, zwischen auf der Insel verteilten besonderen Bäumen zu teleportieren.
Ihr merkt: Auch wenn man die Nebenaufgaben vielleicht an zwei Händen abzählen kann, bieten sie im Gegensatz zu den heute üblichen Aufträgen („Töte 10 Wildschweine, dann kriegst du 500 Gold und 100 XP“) wirkliche Vorteile und sie wirken sich stark auf das Abenteuer aus.

Ansonsten spielt sich ein großer Teil in den immer größer werdenden Dungeons ab, die gespickt sind mit Fallen, Rätseln und den teils kniffligen Sprungpassagen.
Während der Schatzsuche gelangt man an neue Schwerter mit unterschiedlichen Zauberangriffen, stärkere Harnische und Stiefel, die einem das Überqueren von ansonsten unpassierbaren Hindernissen wie Stacheln oder Eisflächen ermöglichten.
Darüber hinaus gibt es Kräuter gegen Vergiftungen, Tränke zur Auffrischung der Energieleiste und das lebensnotwendige Eke-Eke.
Der Clou an Landstalker ist: Sterben kann man eigentlich nicht. Zumindest, solange man Eke-Eke im Rucksack hat, denn sinkt die Energieleiste doch mal auf 0 und Niels wird bewusstlos, reagiert unsere kleine Begleiterin Flora schnell und versorgt den Helden mit dem heilenden Kraut.
Geschieht einem doch einmal das Missgeschick, kann man – hört, hört – den Spielstand laden. Oh ja! Für den Mega Drive fast Neuland, verzichtete Landstalker auf Passwörter. Denn in den großzügig verteilten Kirchen bzw. Altaren (in jeder Siedlung und auch in manchen Dungeons) wartet ein Priester darauf, dass man abspeichert.

Als Gegner stellen sich Niels und Flora mitunter ziemlich illustre Kreaturen entgegen: Neben eher handelsüblichen Orks, Ogern, Skeletten und Echsenmännern hat man es auch mit Blasen, Gift versprühenden und umherwandernden Pilzen sowie ziemlich gefährlichen Einhornkriegern, die einem mit ihrem Ausfallschritt übel zusetzen können, zu tun.

Was die Lokalisierung angeht, nun, wirklich meisterhaft. Keine (spürbaren) krummen Übersetzungen, keine Rechtschreibfehler, Grammatik und Satzbau top. Das haben Profis gemacht.
Nur
hat mich als Kind immer sehr gewundert … was zum Teufel hat es denn jetzt mit dieser Ballettschule in der Hauptstadt auf sich? Wird da wirklich nur Ballett getanzt? Warum zieht es jeden – vornehmlich Männer – dahin?
Erst sehr viel später (dank Internet) fand ich heraus, dass dieses Haus im Original schlicht ein Bordell ist. Nicht schlecht!
Eine kleine weitere Kürzung gab es, als man eine Nacht im Schloss verbringen sollte.
Wiederum im Original konnte man nämlich ins Nachbarzimmer, wo die Widersacherin Kayla und ihre Handlanger untergebracht waren. Dort konnte man – also, in der japanischen Version – hereinplatzen und Kayla (splitterfasernackt!
) beim Baden beobachten.
Nun, hierzulande war das Zimmer von einer Bediensteten blockiert.

Standardmäßig lag den Cartridges damals ein umfangreiches Lösungsbuch bei, dessen Dungeonkarten mir viele graue Haare erspart haben. Und das in unserem zarten Alter von … ja war ich da echt erst 10, als wirs uns geholt haben?
Ausgerechnet vor dem letzten, größten und schwierigsten Dungeon machte das Lösungsbuch jedoch halt.
Zum Glück! Denn spätestens jetzt waren mein Kumpel und ich bereit, Landstalker zu schlagen.
In den Genuss der geistigen Nachfolger (Ladystalker auf dem S-Nes war Japan-only, Dark Savior gelang nie in meine Hände und Time Stalkers … nun, ich hatte nie eine Dreamcast) kam ich allerdings nie.

Doch Landstalker … ein großartiges Spiel, das ich auch heute gerne noch auspacke und durchspiele (Wii-Nutzer: Ihr findet es sogar in der Virtual Console!). Ich bin immer noch erstaunt, wie sympathisch das Heldenduo ist und wie sehr mich die Geschichte mitreißt, vor allem in ihren traurigen und melancholischen Momenten, mit denen das Spiel übrigens recht sparsam umgeht. Überwiegend herrscht nämlich eine sehr fröhliche und freundliche Atmosphäre, eine wirkliche Abwechslung zur düsteren Weltuntergangsstimmung, die einem 99% der Spiele aufzwängen wollen.

Denn schließlich geht es hier nicht darum, die Welt zu retten!

Sondern um die Schätze von König Nolo.

Und um das vielleicht beste Spiel, das je für den Mega Drive oder gar eine 16-Bit-Maschine herausgekommen ist.

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5 Antworten zu [MD] Landstalker

  1. Pingback: It’s a long road … | Wambologen

  2. Sorji schreibt:

    Landstalker war wirklich ein fantastisches Spiel. Auch der Nachfolger auf dem Sega Saturn konnte sich sehen lassen.
    Die Steuerung war wegen der isometrischen Perspektive manchmal etwas kniffelig, aber nach einer gewissen Zeit hatte man sich dran gewöhnt.

    Der Jump n Run und Geschicklichkeitsanspruch lagen teilweise deutlich über Zelda-Niveau, das war cool, trotzdem fand ich Links Welt damals auf dem SuperNes noch eine Spur beeindruckender und spaßiger. Aber nur um eine kleine Spur 🙂

    Danke für die Zeitreise.

    • Wambologen schreibt:

      (Christian-Comment) Gerne doch 🙂 weil das Spiel so zeitlos sympathisch ist, lohnt es sich auch echt heute noch, es zu spielen. Sicher bekomm ich bald wieder richtig Lust drauf.

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