[PC] Recettear

Grüße!

Wer kennt das nicht: Der böse Hexenmeister/Lich/Erzdämon/Totenbeschwörer und seine Schergen sind tot, die Taschen voll mit Goldmünzen, einzigartigen Zauberringen, legendären Äxten und weiterem epischem Loot. Und natürlich einer Menge nutzlosem Tand, der nur mitkommt, um das Inventar auch bis in die kleinste Ecke auszufüllen. Ist ja klar, dass der Item-Händler das nächste Ziel auf dem Weg zur Rettung der Welt ist.

Christian spieltDie Ringe, fein – nutzlos für meine Klasse, bringen aber ne Menge Gold ein. Die Äxte – na komm, ich kann gerade eben meinen Zauberstab halten. Weg damit. Das schartige Kurzschwert, die zerbrochene Lanze, die zerfledderte Armschiene, der löchrige Käse – jetzt muss der Händler sein Kleinstgeld rausholen.
Geschafft! Das Inventar ist leer, die Axt brachte stolze 1.200 Münzen ein, die Ringe jeweils 850 und das Kurzschwert knappe sechs Mark fünfzig.
Fleißig, wie der Ladenbesitzer ist, räumt er schnell seine neuesten Errungenschaften ins Regal und lächelt mich Hände reibend an: Das Geld will schließlich ausgegeben werden.
Sein Angebot, naja, was hab ich erwartet. Ein unbezahlbares Amulett, ein paar überteuerte Handschuhe, Stiefel mit sinnlosen Attributen – oh, und natürlich das Zeug, was er von mir hat.

Aber zu was für Preisen!!!

Die Ringe kosten jetzt 6.000, für die Axt will er 9.000, sogar das Kurzschwert will er mir für 400 Münzen andrehen – ja sag mal, gehts noch? Und dafür hab ich mich gerade todesmutig in den Dungeon gestürzt und musste drei Mal meine eigene Leiche fleddern?

In Recettear spiele ICH den Item-Händler. Ja, genau!

Wie bei Diablo, Sacred, Fable und all den anderen Hack’n’Slays und Action-RPGs gibt es in der Stadt nicht nur eine Taverne, einen Marktplatz und verschiedene andere Orte, sondern auch einen Item-Shop. Und um den kümmere ich mich.

Warnung vorab: Recettear kommt mit einem unheimlich niedlichen Japano-Anime-Stil daher. Glaube, die Experten reden hier von „Chibi“. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege.
Diesen Stil muss man mindestens dulden, aber ich verspreche – lässt man sich darauf ein, erwartet einen ein furchtbar motivierendes und originelles Spiel, hinter dem mehr steckt, als man auf den ersten Blick annimmt.

Kommen wir zur Story: Recette Lemontree, die Hauptfigur, ist ein kleines Mädchen, das mit ihrem Vater zusammen in einem kleinen Städtchen lebt. Hier gibt es neben der Händler-Gilde auch eine Abenteurer-Gilde. Der Vater fasst sich eines Tages ein Herz und macht sich auf, sein Glück und Reichtum zu finden.
Die Wochen vergehen, doch er taucht nicht wieder auf.
Dafür allerdings Tear, die kleine Fee und Angestellte der Finanzgesellschaft, die Recettes Vater vor seinem Verschwinden einen Kredit gegeben hat.

Tear ist gekommen, um die Schulden einzutreiben.

Klar, unsere Hauptfigur weiß nichts davon. Und natürlich hat sie auch kein Geld.
Und so schlägt Tear das scheinbar einzig richtige vor.
Die beiden eröffnen einen Item-Shop, der flugs den Namen „Recettear“ verpasst bekommt – einleuchtend!
Tear weist Recette schrittweise ein in das harte Leben eines Item-Händlers. In praktischen Tutorials bekommt man nach und nach jede Einzelheit genau erklärt, bevor es in die virtuelle Wirklichkeit geht.
Die sieht so aus: Mit ein bisschen Startkapital machen sich unsere beiden Heldinnen auf zur Händler-Gilde, lassen sich registrieren und kaufen zum festen Preis ein paar einfache Gegenstände. Günstige Schwerter, Rüstungen, Helme und vom Rest auf dem Marktplatz noch ein bisschen bunten Kram wie Äpfel oder Sandalen.
Dann geht es zurück in den Laden, wo man selber bestimmt, welche Waren wo ausgelegt werden – vor allem, welche ins Schaufenster kommen, um Kundschaft anzulocken!
Und die kommt auch sogleich: Dabei treten nicht nur Abenteurer durch die Tür, sondern auch die Bewohner der Stadt. Der Handel funktioniert ganz einfach: Jeder Gegenstand hat einen Basispreis, bei Langschwertern liegt der z.B. bei 1.200. Interessiert sich ein Kunde dafür, öffnet sich ein Menü, wo man über eine Prozentangabe den tatsächlichen Kaufpreis vorschlagen kann. Dabei sollte man beachten, dass das kleine Mädchen oder der glücklose Krieger nicht viel Geld zur Verfügung haben, während der reiche Stadtbewohner oder der Handelsgildenmeister auch mal 130% des Basispreises bezahlen können. Geht der Preis in Ordnung, wandert die Ware über die Theke. Ist der Kunde nicht einverstanden, kann  man nochmal am Preis schrauben und erneut vorschlagen.
Wenn der Handel zu Stande kommt, erhält man Erfahrungspunkte, die einen mit der Zeit immer weiter im Level aufsteigen lassen.
Dies ist sehr wichtig, denn je erfahrener Recette ist, umso mehr Möglichkeiten hat sie. Nicht nur, dass sie Zugriff auf mehr und teurere Gegenstände hat, sie kann später auch den Laden erweitern, Waren von Kunden zu Spottpreisen ankaufen und sogar Bestellungen annehmen.
Übrigens – klappt der Deal schon beim ersten Vorschlag, gibt es mehr XP. Schafft man eine Kette daraus, regnet es XP vom Himmel (Bis zu 128 XP statt nur 10 XP).
Daher gilt es wie im echten Leben: Der Händler hat mehr davon, einen guten Service und angemessene Preise anzubieten, um die Kunden glücklicher zu machen, als jeden letzten Pfennig aus ihm herauszuquetschen.

Bald passiert es auch, dass ein Kunde hereinkommt und gar nicht so wirklich weiß, was er will. Dann sagt er sowas wie „Ich brauche eine Waffe“, oder „Ich hätte gerne etwas zu Essen.“
Dies ist mein Lieblingsteil. Als geritzter Geschäftsmann versuche ich jetzt natürlich, endlich den teuren Ladenhüter an den Mann zu bringen. Es ist schließlich schon ein gewaltiger Unterschied, ob jetzt ein Bonbon für 300 oder eine Wassermelone für 2.200 den Besitzer wechselt.
Aber auch hier gilt – das kleine Mädchen kann sich unmöglich die teuren Sachen leisten, und die antike Vase für jenseits der 20.000 dürfte den Reichen und Schönen vorbehalten sein.
Deswegen empfiehlt sich immer ein reichhaltiges und vielfältiges Sortiment auf Vorrat zu haben, denn das Ziel eines ehrbaren Kaufmannes sollte es doch sein, möglichst alle Kunden zufrieden zu stellen!

Okay, damit haben wir die Story (hübsch kitschig, wie die beiden Hauptfiguren immer weiter zusammenwachsen) und den Handelspart, das sind schon mal die zwei wichtigsten Elemente. Was fehlt?

DUNGEONS!

Wie kann so ein Spiel, in dem es um den Loot aus Dungeons geht, ohne Dungeons auskommen? GAR NICHT.

Wer Lust hat, geht zur Abenteurergilde, heuert einen Recken an (zunächst gibts da nur den ungeschickten Krieger Louie) und stürzt sich in den Kampf.
Die Dungeons sind jetzt nichts wahnsinnig komplexes, stellen aber eine gelungene Abwechslung zum Händleralltag dar. Das Schöne: Gefundene Items können allesamt mitgenommen und im Geschäft verkauft werden. Louie – oder einer seiner späteren Kollegen, wie die Diebin Charme oder der Magier Caillou – steigen wie es sich gehört ebenfalls im Level auf und bekommen mehr Hitpoints.
Ab und an schauen die Jungs und Mädels aus der Abenteurergilde übrigens auch in Recettear vorbei. Was sie dort an Ausrüstung kaufen, setzen sie im Dungeon ein! Drum war ich, wenn sie Wünsche hatten, auch stets etwas großzügiger. Immerhin hatte ich ja auch etwas davon.

Knappheit und Überfluss spielen auch eine große Rolle. Ab einem bestimmten Tag erscheinen Meldungen, die einen darüber informieren, dass z.B. gerade metallene Gegenstände besonders teuer oder Süßigkeiten unwahrscheinlich günstig zu haben sind.
Wer jetzt seinen Shop umgestaltet, wird so richtig erfolgreich – denn jetzt bietet sich an, die Preisspannen richtig auszunutzen.
Dies ist auch dringend nötig, denn 1x pro Woche will die Finanzgesellschaft ihr Geld, in Form einer Rate, die mit jedem Mal ansteigt. Die erste Zahlung beläuft sich dabei noch auf läppische 10.000, während es wenige Wochen später schon 80.000 sind. Und das ist noch nicht das Ende.
Schafft man es auch nur ein einziges Mal nicht, die Schulden zu begleichen, ist das Spiel sofort vorbei. Tear muss das Haus pfänden, Recette wohnt fortan in einem Pappkarton.
Oder …?
Ich empfehle jedem, wenigstens ein Mal das Game Over heraufzubeschwören, die Entwickler kamen da mit einer netten Idee.

Speichern lässt sich sowieso jederzeit.

Jeder Tag ist unterteilt in mehrere Zeiteinheiten, wobei verschiedene Handlungen eine oder zwei dieser Einheiten verbrauchen. Man muss also gut planen, wenn man entscheidet, ob man zur Abenteurergilde geht, auf dem Markt einkaufen will oder im Geschäft bleibt und es öffnet, um Geld zu verdienen.
Rückt der Ratentermin näher und es zeichnet sich ab, dass nicht genug Taler auf dem Konto sein werden, kann man noch die Reißleine ziehen und seine Waren an die Händler auf dem Markt oder in der Handelsgilde verkaufen, selbstverständlich zu deutlich schlechterem Kurs.

Zwischendurch kann man weitere Orte in der Stadt aufsuchen, wie die bereits erwähnte Taverne oder den Stadtplatz, diese dienen aber nur, um sich ab und zu mit den Bewohnern oder Abenteurern zu unterhalten und mehr über die Charaktere herauszufinden. Verbraucht wenigstens keine Zeit, und die Unterhaltungen sind oftmals überraschend spaßig.

Als ich die letzte Rate bezahlt habe, habe ich das Spiel an sich „durchgespielt“, doch netterweise bietet Recettear mir jetzt verschiedene Möglichkeiten. Ich speichere ab und kann entweder ganz normal weiterspielen und noch viel viel reicher werden, dabei werden neue Dungeons freigeschaltet sowie zahlreiche neue Waren, da ich ja immer noch im Händler-Level aufsteigen kann, oder ich kann in einer Art Survivormodus weiter immer stärker steigende Schulden begleichen.

Wie gesagt, ich hab Recettear gedurcht, im Steam-Deal hat es mich nur einige € gekostet („Basispreis“ 14,99 €) und es hat mich für etwa 12 Stunden sehr gut unterhalten.

Die Texte sind englisch, wahlweise japanisch, es hat ein bisschen Nippon-Sprachausgabe (ab und zu mal ein Konichiwa oder ein Gomenasai, oder kurze für mich unverständliche Sätze sowie typisches Anime-Gekicher) und frisst gerade mal etwas mehr als 600 MB.

Grafisch ist es … nennen wir es zweckmäßig. Die Figuren in den Zwischensequenzen und Unterhaltungen sind sehr schön und bunt gezeichnet, die Spielumgebungen sind gut zu erkennen, die Effekte z.b. bei magischen Skills oder Explosionen reißen allerdings keine Bäume aus.
Dafür ist der Soundtrack richtig nostalgisch, er erinnert mich stark unter anderem ans gute alte Landstalker (vergleiche die Recettear-Stadt mit der Hauptstadt aus dem Sega-Klassiker).

Wenn ich meine Erfahrung mit Recettear zusammenfassen will, trifft es dieses Bild irgendwie am Besten:


Hinter dem fürchterlich niedlichen (und somit extrem kinderfreundlichen, meine Tochter liebt es, mir dabei zuzusehen) Recettear steckt nämlich tatsächlich eine durchdachte Wirtschaftssimulation.

Um es mit Recettes Worten zu sagen:

Capitalism, ho!

Note: 8,0/10
Empfehlung für: Anime-Fans (vor allem der possierlichen Sorte), Freunde von Wirtschaftssimulationen und Anhänger von Spielen wie Diablo, Torchlight oder auch Zelda: A Link to the Past (und natürlich Landstalker!).

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